09.03.2022 / 08:00

„Wir konnten uns aufeinander verlassen“

INTERVIEW Familienpaten unterstützen Eltern: Eltern-Sohn-Duo und Patin berichten

Markt Schwaben – Zwei Jahre lang hat Barbara Piller (52) aus Markt Schwaben als Familienpatin den inzwischen elfjährigen Henrik begleitet – für einen Nachmittag in der Woche. Für Henriks Vater Marton Gyurcsan stellte sich das Angebot des Kinderschutzbunds als echte Hilfe heraus – wenn auch erst auf den zweiten Blick.

Herr Gyurcsan, Frau Piller, Wie sind Sie zueinander gekommen?

Marton Gyurcsan: Das Ganze geht ja grundsätzlich immer vom Jugendamt aus. Ich hatte mich erst dorthin gewandt, weil sich Henrik mit dem Lernen nicht so leicht tut und wir zusätzliche Förderung wollten. Das Amt hat dann gesagt: Ich als alleinerziehender Vater brauche Unterstützung. Das ist anfangs schon unangenehm – man gibt ja Kontrolle aus der Hand.

Sie wurden einander also zugewiesen?

Barbara Piller: Ja. Henrik war mein erstes Patenkind. Einerseits habe ich mich sehr gefreut, andererseits war ich total aufgeregt. Danke Marton, dass du mich auch so herzlich angenommen hast. Als wir uns damals vor der Haustür das erste Mal gesprochen haben, habe ich mich gefühlt, als ob wir uns schon immer gekannt hätten. Bei Henrik musste ich anfangs etwas kämpfen, aber wir haben bald sehr viel gelacht miteinander.

Henrik, wie fandest du das?

Henrik: Ich war neugierig, wer da plötzlich an der Haustür steht. Am Anfang war ich auch schüchtern, das ist aber nach einiger Zeit weggegangen. Komisch war, dass ich erst nichts davon wusste.

Was habt ihr gemacht?

Barbara Piller: Wir haben Ball gespielt, Mensch Ärgere Dich nicht oder Spiele, die sich Henrik ausgedacht hat.

Henrik: Bei Mensch Ärgere Dich Nicht habe ich fast nie gewonnen. Weil ich fast nie Sechsen würfle.

Barbara Piller: Dafür bist du in Memory besser.

Henrik: Stimmt.

Herr Gyurcsan, hat Ihnen die Familienpatenschaft geholfen?

Marton Gyurcsan: Auf jeden Fall, das war im Nachhinein ein Riesengewinn. Für mich war es schon viel wert, dass ich diesen Nachmittag Zeit für mich hatte. Luft zum Atmen. Manchmal einfach für ein bisschen Zeit auf der Couch. Aber meistens eher, um Dinge zu erledigen, die im Haushalt liegen geblieben sind. Das passiert, wenn man voll arbeitet.

Wie sind Sie menschlich zurechtgekommen?

Marton Gyurcsan: Wir konnten uns aufeinander verlassen. Man hört manchmal Geschichten, dass es zwischen Paten und Eltern nicht passt. Barbara war mir gleich sympathisch und auch Henrik hatte kein Problem mit ihr. Wie gesagt, war es für mich eine Entlastung. Aber erst mal musste ich eine Gruppe beim Jugendamt besuchen. Das Amt meinte, dass ich als Vater überfordert bin...

Hatten Sie dieses Gefühl, überfordert zu sein?

Marton Gyurcsan: Damals eher nicht. Kleine Kinder, kleine Probleme – große Kinder... Sie wissen schon (lacht). Am Gymnasium ist mehr zu tun und Henrik braucht viel gezielte Unterstützung. Überfordert bin ich aber eher mit dem Drumherum als mit meinem Sohn. In meiner Arbeit, ich bin Ingenieur, haben alle riesigen Respekt. Aber wenn ich morgens später gekommen bin, weil ich Henrik in die Schule bringen musste, wurde es trotzdem schwierig.

Sind Sie als alleinerziehender Vater ein Spezialfall?

Marton Gyurcsan: An der Grundschule und beim Jugendamt habe ich gemerkt: Bei einem alleinerziehenden Vater wie mir nimmt man leicht an, dass er das Problem ist. Da haben es alleinerziehende Frauen vielleicht leichter. Manchmal kommt es mir so vor, als ob ich in der Erziehung doppelt so viel leisten muss wie eine Mutter, damit es anerkannt wird.

Wie kommen Sie klar?

Marton Gyurcsan: Henrik ist jetzt elf, ihm geht’s gut, er lebt noch!

Barbara Piller: Das hast du auf jeden Fall gut gemacht, Marton. Henrik ist höflich und nett, überhaupt nicht bockig. Kinder sind immer mal Kinder, aber Henrik ist wirklich gut erzogen.

Frau Piller, wieso haben Sie sich als Familienpatin ausbilden lassen?

Barbara Piller: Ich wollte schon immer etwas Soziales machen – im Altenheim oder mit behinderten Kindern zum Beispiel. Aber ich habe meinen ersten Sohn auch allein erzogen, da ist das nicht gegangen. Als die Kinder erwachsen waren, bin ich in Teilzeit gegangen. Und dann habe ich in der Zeitung von den Familienpaten gelesen.

..und Sie waren gleich begeistert?

Barbara Piller: Erst war ich mir unsicher. Ob ich das überhaupt schaffe. Es gibt ja auch ein Zertifikat. Ich mache mir oft mehr Gedanken als nötig, bevor ich etwas mache. Dann habe ich einfach angerufen. Frau Poelz vom Kinderschutzbund hat mir das gut erklärt. Der erste Schritt war dann, meinen Mann hinzuzuziehen. Der musste mitmachen (lacht). Ich glaube, dass er auch ganz froh ist – er hat dann auch die Familienpaten-Ausbildung gemacht.

Was nehmen Sie als Patin daraus mit?

Barbara Piller: Nach den zwei Jahren mit Henrik bin ich jetzt Patin für drei Brüder. Es ist ein so schönes Gefühl, wenn die Kinder sagen: Danke, dass ich zu dir kommen darf. Man findet Freunde, trifft nette Leute. Ich bereue keinen Tag! Wer sich über eine Familienpatenschaft Gedanken macht, dem kann ich nur raten, es einfach zu probieren. Es findet sich immer ein Weg!

Sind Sie nach dem Ende der Patenschaft in Kontakt geblieben?

Barbara Piller: Vereinzelt sind wir noch Fußballspielen gegangen – und Henrik schickt mir manchmal was übers Handy.

Henrik: Seit ich am Gymnasium bin, habe ich auch nicht mehr so viel Zeit...


Interview: Josef Ametsbichler

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